Glaube wieder

Kinderzeichnung zum Artikel Glaube wieder

„Bald nun ist Weihnachtszeit, fröhliche Zeit…“, erklang es von hellen Stimmen gesungen voller Freude über den abendlichen Marktplatz der kleinen Stadt. Etwa zehn Kinder verschiedenen Alters standen zum Chor gereiht vor der Tür der `Alten Wache‘ mit den zwei Säulen neben der weit ausladenen Linde. Ein fröhlicher Dirigent, der wohl ein Pastor sein konnte, leitete seine singende Schar, die an diesem Tag vor dem 4. Advent die vorbei gehenden Passanten erfreute.

Die Stadt am großen See, mit dem ehrwürdigen Dom an der Spitze der Halbinsel der Altstadt, dessen grünlicher Kupferhelm voller Stolz und Hoffnung in den abendlichen Himmel mit den grauen und zerrissenen Wolken ragte, erschien an diesem Adventsabend voller Leichtigkeit und Liebe. Es war nicht all zu kalt, die Straßen und Wege waren trocken, es roch frisch und die wenigen Menschen sahen zufrieden aus. Einige Autos fuhren langsam die gepflasterten Fahrbahnen ihren Zielen entgegen.

Weihnachten stand vor der Tür. Manchen klang es wie eine dauernde Wiederholung. Über das Jahr hatte man bei all den Verrichtungen, Sorgen und Nöten dieses Fest fast vergessen. Erst, wenn es kälter wurde und das Licht sich schon am Nachmittag verlor, wurde den Menschen klar, ein ganzes Jahr war wieder vergangen. Gedanken des Verlustes aber auch der Zufriedenheit und Freude kamen über die Welt. In dieser Zeit hielten die Menschen etwas inne, sie sagten sich verstohlen lächelnd, welch Wunder es sei, nun würde wieder Weihnachten sein und ein neues Jahr kommen – verstohlen, weil sie wussten, dass sie jedes Jahr davon sprachen. Ein neues Jahr, voller Ungewissheit!

Oder doch nicht? Sollte man hier zu den Mitteln der Theologie oder sogar Philosophie greifen? War ein neues Jahr ungewiss? Etwas Wahres war dran, denn was wussten die Menschen vom neuen Jahr? Eigentlich nicht viel. Und es war bekannt, wie das Leben von Zufällen und unerwarteten Ereignissen strotzte. Aber waren wir nicht alle in Gottes Hand? Der uns durch all die wirren und angsteinflößenden Zeiten und Ereignisse führt. Hatten wir nicht jetzt auch eine solche Zeit, in der wir nicht alles tun dürfen, weil wir uns mit einem Krankheitserreger anstecken können?

Unterlagen die Menschen dem Irrglauben, dass alles ungewiss ist? Die ganze Gesellschaft war so aufgebaut, die Menschheit sicherte sich ab, von allen Seiten, manchmal sehr ungelenk, mit eigenartigen Versicherungen. Gegen jedes Unheil gab es eine Versicherung. Der Glaube und der liebe Gott waren bei den meisten ausgeklammert. Viele erhofften sich von dieser Seite nichts. Mancher belächelte diese antiquierten Kirchgänger. Doch irgendwann in ihrem Leben würden sie auch an diese Grenze stoßen. Dann gab es womöglich etwas von der Versicherung, aber das eigentliche Seelenheil lag ganz woanders.

Wir Menschen sind geborgen und unter dem Schutz unseres Gottes. Warum misstrauten wir unserem Ursprung? War es nicht an vielen Umständen erkennbar, dass wir beschützte Geschöpfe eines guten und uns unendlich liebenden Gottes sind?

Heraus gerissen aus diesem anheimelnden Stadtbild bemerkte man einen Mann mittleren Alters mit einer dunkelgrauen Jacke und einer blauen Wollmütze, der über den Marktplatz und dann in Richtung des Ufers des großen Sees ging. Sein Gang war leicht und beschwingt. Man merkte ihm eine Erleichterung an, die er erst gerade bekommen hatte und die ihn sehr viel sicherer machte.

Kurz vor dem gelben Rathaus, das auf einem großen Platz direkt am Ufer des Sees stand, die Wellen bewegten sich leicht im schwachen Wind, der von Westen kommend über das Wasser strich, verlangsamte sich der Gang des jungen Mannes. Er zauderte nicht und steuerte zielgerichtet zum Eingang der Fischerei, die sich an dem kleinen Kanal neben dem Rathaus befand. Das war das Wochenendziel der Biker aus der Gegend, gleich daneben lag die Eisdiele, deren Eis im Sommer sehr gefragt war. Die Fischerei war mit einem Restaurant ausgestattet. Gleich daneben sah man durch ein Fenster einen kleinen Verkaufsraum. Nahe am Seeufer, dort, wo der Kanal in den See mündete, erstreckte sich eine Wiese, auf der Bänke und überdachte Tische müde Wanderer zu Kaffee, Bier und leckeren Fischbrötchen einluden. Vorn am Tor zur Fischerei stand das Haus der Fischerfamilie.

Im Restaurant saßen einige Gäste bei Kerzenschein. Die Fenster waren mit ansprechenden Weihnachtsdekorationen geschmückt. Eine große Wärme breitete sich in Konrad, so heißt der Mann, aus. Es schien, er sei hier des Öfteren. Aber er ging am Restaurant vorbei zum Haus des Fischers. Er klopfte voller innerer Ruhe und Glück an die hölzerne Tür. Ein paar Sekunden wartete Konrad und nahm die Umgebung voller Aufmerksamkeit auf – das Wasser des Sees, das gegen das Ufer schlug und die Bäume ohne Laub, im Hintergrund die Stadt, am anderen Ufer der Wald der Ostseite des großen Sees.

Konrad war nicht immer so gut gelaunt, sein Leben bestand aus einem großen Durcheinander. Es ging ihm oft nicht gut in diesen Tagen. Erst heute sah er plötzlich ein großes, helles Licht am Horizont – Hoffnung und Sehnsucht nach einem besseren Leben keimten in ihm auf. Er hatte hier im Sanatorium an der Ostseite der Kreisstadt an diesem Tage seine wöchentliche Untersuchung. Er hatte Krebs, scheinbar unheilbar, sagten die Ärzte. Doch heute machte ihm sein Arzt Hoffnung. Der sagte, die Bestrahlung schlage an. Er hätte eine Chance auf Heilung. Der Arzt sprach plötzlich sehr menschlich und überging in diesem Moment diese verflixte Krise.

Besonders schlimm war es mit der Pandemie, die seit dem Frühjahr grassierte, in Krankenhäusern. Da wurde alles abgeschottet. Ein Patient wie Konrad fühlte sich wie ein fünftes Rad am Wagen. Weil sein Wohnort fast 500 Kilometer entfernt war, musste er über Weihnachten hier bleiben. Er war Single, oder sagen wir, geschieden und er hatte keine Kinder. Niemand dachte an ihn, Konrad musste sein Leben selbst bestreiten und sich seinen Halt suchen. Er war ein sehr offener Mensch und konnte auf Menschen zugehen. Er las gern und schrieb in sein Tagebuch. Der Glaube gab ihm Hoffnung. Die Worte der Bibel waren sein Lebenshalt.

Sein Problem war nicht nur der zerfressende Krebs, ihm schlug das Ungemach auch auf die Seele. Konrad litt unter großer Seelennot. Er erzählte dies auch den Ärzten – von seinen Depressionen und Ängsten. Die rieten ihm einen Psychiater aufzusuchen. Konrad lächelte dann in sein Inneres und stellte sich den lieben Gott als einen Psychiater vor.

Seit er im Sanatorium war, ging er jeden Abend hier zum Fischerhaus. Er lernte Paul, den alten Fischer, kennen und sie kamen jeden Abend am Ufer des Sees beim Flicken der Netze ins Gespräch. Anfangs war es ein smalltalk. Paul akzeptiere den Fremden auf seinem Fischergehöft. Wenig später erkannte Paul, wonach der Patient aus dem Sanatorium eigentlich suchte. Er suchte nach dem Leben, nach Liebe – empathische Gefühle, eher in einer grobe Art eines Fischers, kamen in Paul auf. Nach abendlichen Gesprächen mit seiner Frau wurde ihm einiges klar.

„Paul, Dein neuer Freund aus dem Sanatorium kommt schon seit längerer Zeit zu uns“, sagte die Fischersfrau fragend.

Paul lächelte unsicher: „Wir dürfen ihn nicht abweisen. Er sucht nach Antworten. Ehrlich gesagt, ist er eine ganz einsame Seele. Er hat zu uns Vertrauen gefunden. Wir dürfen ihn nicht abweisen.“

„Aber er muss wieder in sein Leben zurück, wenn er aus dem Sanatorium entlassen wird. Wir können nicht immer für ihn da sein“, sagte Pauls Frau.

„Ich werde mit Konrad darüber sprechen, wenn es an der Zeit ist.“

Die Ruhe und die Ansichten von Paul beruhigten den traurigen Konrad. Auch wenn Pauls Worte etwas ungelenk waren und an manchen Stellen auch ein wenig grob, belebte den Krebskranken diese natürliche Frische. Er dachte bei seinen Gängen zum Fischer auch an die Bibel und an Jesus, wo es auch um Fischer ging und die Speisung der Fünftausend, mit Jesus am See Genezareth. Ihm fiel ein, dass das Zeichen der Christen der Fisch war. Immer mehr merkte Konrad, dass diese Freundschaft auch begrenzt war, so wie es auch der Gedanke der Fischerfrau war – irgendwann musste Konrad zurück in sein Leben, in seine Stadt.

Am nächsten Abend sagte Konrad zu seinem Freund: „Ich werde nicht ewig hier zu Euch kommen.“

„Ich weiß! Aber nichts ist unendlich im Leben. Das Leben besteht aus Stufen…“, sagte der Fischer.

„Du meinst die `Stufen` von Hermann Hesse?“, sagte lächelnd der überraschte Konrad.

„Richtig! Du weißt ja wie es mit dem Anfang ist, dem ein Zauber innewohnt“, antwortete der belesene Paul.

Konrad senkte seinen Kopf: „Ja, das Leben schreitet voran!“

Am ersten Abend, als sie sich kennenlernten, platzte es aus Konrad heraus: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ Jeder Christ hier in der Gegend wusste, dass dies die Jahreslosung war und angesichts all des Leids auf dieser Welt sprang einen dieser Satz entgegen. Man möchte glauben und kann es irgendwie nicht, weil so viele Barrieren in einem sind, und dann spricht man diese unendlich große Bitte dem Höchsten entgegen: „Bitte hilf mir!“

Ohne eine Miene zu verziehen, sprach der Fischer leise und mit fester Stimme: „Du bist ein Suchender! Viele Menschen auf unserer Welt, auch jetzt in unserer Krise mit diesem unheilvollen Virus, suchen nach dem Leben. Zu glauben ist nicht einfach in unserer wirren Welt. Konrad, Du stehst am Abgrund Deines Lebens. Aber Du rufst! Ich glaube, Du bist mutig und ahnst den richtigen Weg. Ja, es gibt Hilfe auf unseren Wegen, jemand, der unserem Unglauben hilft. Du hast Dich auf den Weg gemacht zu mir altem Fischer und versuchst, hier das Leben zu finden.“

Konrad sank auf den Boden zwischen den Netzen und weinte mit zitterndem Körper. Paul ließ seinen neuen Freund liegen und wartete bis der wieder aufstand.

Zögernd und leise erklangen seine Worte und er erzählte dem Fischer von seinem Unglück. Voller Einsamkeit war sein Leben. Er hatte niemanden. Keiner würde Notiz davon nehmen, wenn er voller Krebsgeschwüre in diesem Sanatorium sterben würde. Er war von seiner Arbeit als Lehrer beurlaubt, wegen seiner Krankheit. Gut, er bekam ein gutes Krankengeld, aber er vermisste seine Arbeit und sein geregeltes Leben. Seine Verwandten meldeten sich nicht, so als hätten sie ihn verstoßen. Nunmehr Bekannte, von denen er einmal dachte, sie wären seine Freund antworteten ihm nicht. Konrad hatte Angst in seinem Dasein allein und elendig zu verrecken. Er wusste, dass er etwas für sein Seelenheil tun musste. Man muss einen Schritt tun, damit etwas mit einem passiert, hatte er in einem Buch in der Klinikkapelle gelesen.

Paul bot Konrad seine Hilfe an. Immer sei er da, auch seine Familie und er könne immer zu ihnen kommen.

„Du bist ein treuer und ehrlicher Bruder!“, sagte Konrad zu dem Fischer.

Einige Wochen vergingen und fast jeden Tag nach den Therapien wanderte der Krebskranke zu seinem Freund. Er lernte viel vom Fischer Paul, über die Arbeit eines Fischers und vor allem über die Leichtigkeit des Lebens.

„Konrad, das Leben ist ein Fluss! Wir können nichts am Verlauf und am Ende ändern. Wir müssen dem, der alles erschaffen hat, vertrauen! Und Du kannst am Leben, an all den vielen Zeichen sehen, dass ein guter Gott unserer Herr ist.“

Immer wieder wiegte Konrad seinen Kopf hin und her und er antwortete: „Ja, ich glaube an Gott und das Leben!“

„Du hast sogar die Chance wieder gesund zu werden – arbeite daran und vertraue dem Leben!“, sagte lächelnd der alte Fischer.

An diesem Abend vor dem 4. Advent stand Konrad vor der Tür des Fischers. Er hörte dahinter Schritte und die Tür öffnete sich. Auch wenn es noch nicht Weihnachten war, sah es in der Stube des Fischers festlich aus. Kerzen brannten, der Tisch war mit schönem Geschirr gedeckt, mit roten Servietten. Lächelnd standen der Fischer Paul, seine Frau und der achtjährige Enkel Jonathan im Zimmer. Sie begannen zu singen: „Nun danket alle Gott, mit Herzen, Mund und Händen, der große Dinge tut, an uns und allen Enden…“

Als ihr Gesang verklang, nahm Paul voller Herzlichkeit die Hände von Konrad und sagte leise: „Konrad, wir wünschen Dir alles Gute zum Geburtstag!“

Die Fischerfrau und Jonathan kamen hinzu und der kleine Jonathan sagte mit heller Stimme: „Bleib gesund und glücklich! Großvater sagt immer, dass Du unser Freund bist.“

Nun war es raus: Konrad hatte heute, ein paar Tage vor dem Heiligen Abend, Geburtstag. Sie setzten sich an den herrlich dekorierten Tisch und die Fischerfrau servierte, wie sollte es auch anders sein, gedünsteten Hecht mit Brokkoli und Kartoffeln und dazu den herrlichen Meerrettich. Alle waren glücklich. Jonathan erzählte Konrad, der eigentlich Lehrer war, von dem, was er in der dritten Klasse schon konnte. Ihnen war weihnachtlich zumute.

Später stand der gerührte Konrad auf. Er räusperte sich und sagte: „Wisst Ihr, nun seid Ihr fast meine Familie geworden. Vor ein paar Wochen kam ich zu Euch und war sehr deprimiert und voller Gedanken der Krankheit. Mein Glaube war verschwunden. Du, Paul, hast mich an all den Abenden dort draußen bei den Netzen wieder aufgebaut. Du hast mir meinen Unglauben genommen. Dafür danke ich Dir und Euch sehr!“

Stille breitete sich im Zimmer aus. Konrad setzte sich wieder hin und trank vom weißen Wein. Etwas zögerlich erhob sich der Fischer und sprach: „Du bist uns ein liebes Familienmitglied geworden, lieber Konrad! Als Du zu uns kamst im Herbst, hatte ich anfangs Schwierigkeiten, wie ich Dir den richtigen Impuls geben kann. Ohne Hilfe suchte ich in der Bibel und fand einen Text, den Psalm 16. Ja, das ist eine Hilfe für einen hilfesuchenden Menschen. Ich lese Euch diesen Psalm 16 vor:

„Du zeigst mir den Weg zum Leben.

Ich sage zu dir: Du bist mein Herr.

Mein Glück finde ich allein bei dir!

Im Land werden viele Götter verehrt…

Herr, was ich brauche, du teilst es mir zu…

Was du mir zugemessen hast, gefällt mir gut.

Der Herr ist mir nahe…

Er steht mir zur Seite, ich fühle mich ganz sicher.“

Lange saßen die vier an diesem Abend zusammen. Weihnachten stand vor der Tür – auch in diesen gerade den Menschen als wirre erscheinenden Tagen – war es klar, dass wir Menschen gerettet und behütet sind – von unserem Heiland, der in diesen Tagen im Stall in Betlehem in unsere Welt kam – das Licht der Welt!

Es war Weihnachten in der Stadt.

 

Hartmut Haker – Weihnachten 2020

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