Interview mit ThuLPE-Autor Hartmut Haker

Portraitbild von Hartmut Haker

Radio Omott ist ein Radioprojekt von zwei Menschen mit Behinderung.
Angela ist blind.
Mathias hat eine seelische Behinderung.
Das schränkt uns aber nicht ein im Leben.
Wir lassen uns nicht davon unterkriegen.
Wir beide gehen mit dem Mikrofon raus.
Wir entdecken die Welt.
Mathias sieht und beschreibt es seiner Freundin Angela.
Angela sieht mit ihren anderen Sinnen – auf eine ganz innige Weise.
Wir beide gehen raus.
Denn außerhalb der eigenen vier Wände gibt es ganz viel zu entdecken.
Damit kann man den Horizont erweitern.
Wer als Mensch mit Handicap raus geht, geht auf die Gesellschaft zu.
Damit wir Menschen mit Handicap dazu gehören dürfen.
Behinderung kann jeden treffen.
Keiner ist hundertprozentig davor sicher.
Und es ist nicht schlimm, wenn man eine Behinderung hat.

Radio Omott läuft immer jeden Sonntag um 18 Uhr auf Radio HBW.
Die Sendung machen Angela Steuer und Mathias Hoppe in Eisleben.
Die Nachrichten in Einfacher Sprache schreibt Mathias.
Angela sucht vor allem die Musik aus.
Dann machen wir gemeinsam Radio!

Hartmut Haker ist ein Mensch mit einer seelischen Erkrankung.
Heute ist er Vater von seinem Sohn Jonathan und Ehemann seiner Frau Nicolle.
Hartmut Haker hat eine Arbeit.
Und Hartmut Haker schreibt in seiner Freizeit.
Hartmut Haker schreibt über seine seelische Erkrankung.
Hartmut Haker hat ein wichtiges Ziel.
Er möchte die Stigmatisierung von seelischen Erkrankungen abbauen.


Ich habe Hartmut Haker schriftlich einige Fragen gestellt.
Angela und ich vertonen dieses schriftliche Gespräch.
Angela ist der Interviewer, ich, Mathias Hoppe spreche die Stimme von Hartmut Haker.

 

I: Hartmut, wie ging es bei dir los? Wann und wie hast du gemerkt, dass Deine seelische Erkrankung begann?

H: Nach über 25 Jahren mit einer schizo-affektiven Erkrankung wurde ich das schon sehr oft gefragt: wann begann meine seelische Erkrankung. War es ein genauer Tag oder ein Augenblick? Kann man das so eingrenzen? In meinem ersten Buch „Station 23 – Begegnungen in der Psychiatrie“ gibt es eine Passage. Ich schreibe: „Ja genau an diesem Morgen, als ich in meiner Studentenbude aufwachte, da war alles anders. Das Licht, die Geräusche, ja alles empfand ich plötzlich anders. Man konnte sagen, dass ich psychisch krank war.“ Ist das so einfach abzugrenzen? Wie ist es mit dem Leben und mit dem Normalen und Unnormalen? Ich war damals als fast 20-jähriger ein sehr sensibler Mensch, eigentlich bin ich es heute noch. Ich hatte Träume, ich war auch ein wenig ab von der Spur. Ich ging zu Partys. Es war die Wendezeit, kurz nach der Wiedervereinigung und ich sah auch den Glanz der weiten Welt. Aber eigentlich war ich auch ein einfacher, manchmal trauriger junger Mann – einer der seine erste große Liebe verlor und der auch etwas erreichen wollte und vor allem ein junger Mann, der einen Vater hatte, der ihn zur Leistung trieb und auch ein Junge der zusah, wie seine Eltern sich trennten. Und der eigentlich noch nichts vom Leben verstand. Und plötzlich breitete sich der Wahnsinn und die psychische Erkrankung über ihn aus und er wusste nicht was ihm geschah. Später sagte ein Fachmann, der heute ein Freund von mir ist: Jeden kann es treffen! Es gibt eigentlich keinen genauen Grund für eine psychische Erkrankung. Jeder kann das Pech haben, dass ihn gerade es erwischt. Im Dezember 1994 wurde ich völlig ab von der Welt in eine psychiatrische Station eingewiesen.

 

I: Du kamst ja dann zum ersten Mal in eine Psychiatrie. Wie hast du deinen ersten Klinikaufenthalt erlebt?

 

H: Die Klinik war mein Rettungsanker. Innerhalb der ersten paar Jahre war ich bestimmt zehn Mal in der Klinik. Ich wurde ein Klinik-Experte. Als kleines Beispiel möchte ich hier diesen Ausschnitt aus meinem neuesten Buch „Das Kreuz auf dem Hügel“ anführen, dass solch einen Wahnsinn, den ich erlebte, deutlich macht. Immer wieder rutschte ich in solche Phasen. Mir war eigentlich immer klar, dass es eine Art Einbildung war, ich stand immer noch über mir, das war ein gutes Zeichen. Ich fragte mich in all diesen Tagen in der Psychiatrie, was mir helfen konnte. Ganz am Anfang begann ich schon mit dem Schreiben und das half mir sehr.

– Er war nicht zu bremsen: „Geht weg, Ihr habt mich immer an meinem Glück gehindert. Ihr seid immer hinter mir her gewesen und wolltet verhindern, dass gerade ich einmal Glück habe. Ihr habt mich krank gemacht – ja, in meinen ersten Texten steht es groß und deutlich – böse Menschen haben mir Substanzen gegeben, damit ich in die Zwänge der Medizin gerate. Menschen, die mich vernichten wollten, haben mich in den Tod getrieben. Wie ist es jetzt – ich, Nikolas Konstantinos, befinde mich in einem Hotel und fühle mich immer schlechter. Mir fällt es schwer aufzuzählen, was alles gewesen ist in den letzten Tagen und was jetzt wichtig ist.

Ach, richtig, eine wunderschöne Frau hatte mir den Laufpass gegeben – ist sie die Frau, die mir den Kopf verdrehen wollte und mich, den aufstrebenden Autor endlich zum Absturz bringt? Hat sie etwas damit zu tun – stimmt ihre ganze erzählte Geschichte gar nicht?

Ist alles inszeniert? Wollen mich Mächte dieser Welt beiseiteschaffen?“ –

 

Zerstören – ja, diese Erkrankung kann einen Menschen zerstören. Ich habe viel Glück gehabt in meinem Leben. Vielleicht habe ich das Richtige gemacht, dass ich heute recht gut leben kann. Das wünsche ich den vielen anderen Betroffenen auch.

 

I: Wie hat es sich für dein Ego angefühlt, ab dann psychisch krank zu gelten? Gab es da schon Stigmatisierungen? Auch dir selbst gegenüber?

 

H: Natürlich war es für mich ein großer Rückschlag plötzlich psychisch erkrankt zu sein. Anfangs erlebte ich in meinem Umfeld keine großen Stigmatisierungen. Es war eher so, dass mich meine Verwandten, Freunde und Bekannten unterstützten. Immer wieder unternahm ich Versuche in meine Ausbildung und später mein Studium zurückzufinden. Im Ingenieurbüro meines Vaters konnte ich arbeiten und sogar Geld verdienen. Später, als ich schon Bücher veröffentlicht hatte und Lesungen hielt, sagte ein Journalist zu mir, dass ich ja eigentlich gar nicht stigmatisiert werde – er meinte, dass ich nicht für mich sondern für all die anderen kämpfe. Ich denke, dass mich mein offensiver schriftstellerischer Kampf gegen meine psychische Erkrankung vor diesen Stigmatisierungen bewahrte. Sicher hat der eine oder andere meiner Weggefährten im negativen Sinne gemeint oder gedacht, was es mit mir und der psychischen Erkrankung auf sich hat.

 

Trotzdem schreibe ich in meinem aktuellen Buchprojekt folgende Passage:

 

– „Hartmut, Du meinst, wir bilden uns die Stigmatisierungen ein?“

Wieder überlege ich: „Es gibt sicher Menschen, die schamlos stigmatisieren. Ich glaube, dass viele sich aus Angst vor den Anderen und aus Dummheit daran beteiligen. Die meisten sind aber diejenigen, die auch zu meinen Lesungen kommen, die plötzlich aufweichen, weil sie selbst oder ihre Angehörigen oder Freunde von psychischen Erkrankungen betroffen sind.“

Meine Bekannte ist begeistert: „Das ist eine wunderbare Durchbrechung des scheinbar allumfassenden Stigmas.“

 

I: Wie hat dein soziales Umfeld auf die seelische Erkrankung reagiert? Also Familie, Freunde und Verwandte?

 

H: Ich hatte immer den Eindruck, dass ich etwas geschafft habe. Gleich vier Jahre nach dem Ausbruch meiner Erkrankung erschien mein erstes Buch. Es war für mich meine Rettung. Trotz all der Rückschläge hatte ich diese Beschäftigung und konnte darin etwas Bestätigung finden. Heute wundert es mich, wie all die Jahre vergangen sind. Heute bin ich verheiratet und Vater eines Sohnes und sehe mein Leben vor mir. Manchmal ist dieses Gefühl ganz deutlich und mich stimmt es eher nüchtern, es ist wenig Stolz darin – denn wie geht es all den anderen psychisch Erkrankten? Wie geht es denen, welche Möglichkeiten habe die und wie geht es mit ihnen weiter? Oft rücke ich mein Leben völlig beiseite und stelle mich dieser Realität.

 

I: Wie hast du dann mit dem Schreiben angefangen?

 

H: Geschrieben habe ich schon als Kind und Jugendlicher. Geschichten über Piraten, Cowboys und Ungeheuer sind entstanden. Auf Reisen verfasste ich Tagebücher.

 

1995 begann ich auf der geschlossenen psychiatrischen Station 23 der Schweriner Carl-Friedrich-Flemming-Klinik mein erstes Buch zu schreiben. Meinen Vater bat ich in einem drängenden Brief um alles, was man zum Schreiben eines Buches braucht, und er brachte es mir. Den Stationsarzt fragte ich, ob ich mit meinen Mitpatienten Interviews machen darf, denn mein Buch „Station 23 – Begegnungen in der Psychiatrie“ beinhaltet 16 Interviews – ein Versuch um meine Schwierigkeiten mit denen anderer Patienten zu vergleichen.

 

Anfangs wurde mein Schaffen belächelt. Doch ich blieb hartnäckig, fand einen Verlag, das Buch erschien, und ich hielt Lesungen. Diese Beschäftigung half mir sehr, ich hatte etwas Sinnvolles zu tun und wurde abgelenkt.

 

Es brauchte viel Zeit bis ich meine Erkrankung verstehen konnte. Mein Schreiben spiegelte mein Leben, meine Erlebnisse wider. Ich hatte den Eindruck, dass ich „den Fall“ mit der Hilfe des Schreibens vielleicht sogar lösen konnte. Auch habe ich in den Jahren meiner Erkrankung viel gelesen und bin gläubiger geworden. Ich hatte den Eindruck, dass ich ehrlich und offen über meine Erkrankung schreiben muss – entweder völlig offen oder gar nicht. Meine Erkrankung habe ich heute angenommen. Ich sage mir, dass viele andere Menschen an ebenso schlimmen Krankheiten leiden. Vielen Menschen auf der Welt geht es nicht gut.

 

Jedem psychisch Erkrankten möchte ich empfehlen zu schreiben, malen, fotografieren oder Sport zu treiben. Das kann eine Seele gesund machen. Mir ist durch mein Schreiben und durch die Begegnung mit vielen Betroffenen aufgegangen, wie wertvoll Gesundheit ist und dass man durch einige Faktoren gesund werden kann: Liebe, Sicherheit, Menschen, die an einen glauben, eine Beschäftigung, die man mag, Geborgenheit, Wärme und Vertrauen.

 

 

I: Deine Bücher sind getragen von der Hoffnung und dem Glauben an das Gute. Was möchten deine Bücher noch aussagen?

 

H: In meinen Lesungen, die ich bundesweit halte, spreche ich davon, dass man sich mit einer psychischen Erkrankung nicht verstecken darf. Mir ist es wichtig, das Stigma von diesen Erkrankungen zu nehmen. Es darf nicht sein, dass psychisch Erkrankte als labil, unberechenbar oder gar gefährlich dargestellt werden. Meine Gedanken gehen zu all den Gruppen dieser Gesellschaft, die stigmatisiert werden. In allen Bereichen sollte mehr Aufklärungsarbeit stattfinden. Den Menschen, die durch andere oder die Medien verunsichert werden, muss die Angst, die Hemmung genommen werden. Ihnen muss klar werden, warum ein Mensch diese Erkrankung bekommt, wie sie sich äußert und welche Prognose besteht.

 

Wie kann Aufklärungsarbeit geschehen? Durch Aktionen der staatlichen Stellen, der Kirche und Diakonie. Durch eine transparente und offene Psychiatrie und anderer medizinischer Bereiche. Durch Lesungen und Vorträge von Betroffenen und auch Ärzten und Psychologen.

 

Immer wieder in meinen Lesungen merke ich, wie sich Menschen in dieser kühlen Gesellschaft verstecken und nun aufweichen und merken, dass es doch möglich ist, darüber offen zu sprechen.

 

 

I: Wie arbeitest du an deinen Büchern?

 

H: Ich arbeite und schreibe sporadisch. Meine kleineren Texte kommen plötzlich über mich und ich schreibe sie auch recht schnell auf. Meine Bücher brauchen schon einige Monate und ich setze mich an meinen Rechner abends, wenn ich dafür Zeit finde. Ideen kommen eigentlich immer über mich, in meinem Kopf ordnen sich meine Texte fast automatisch.

 

I: Was glaubst du: was macht die Menschen gefühlt in der heutigen Zeit psychisch kränker? Haben psychische Erkrankungen deiner Meinung nach zugenommen?

 

H: Es ist eine rastlose Zeit. Werte wie Glück, Liebe und Vertrauen und vor allem die Beziehung zu unserem Gott gehen den Bach runter. Wir verlieren uns in unserer absolut übertriebenen Geschwindigkeit des Lebens. Alle müssten runterkommen und sich ein paar Tage an einen ruhigen Waldsee setzen. Das Leben ist viel einfacher, als wie denken. Ich denke, dass die eigentlichen psychischen Erkrankungen gar nicht zugenommen haben. Heute wird alles, jede Angst und jede Störung gleich für eine psychische Störung gehalten. Die Hemmschwelle zu einem Psychiater zu gehen, hat abgenommen.

 

I: Wie lebst du heute? Wie gelang dein erfülltes Leben – dass du einen Sohn hast und vor allem eine geregelte Arbeit. Was macht deiner Meinung nach ein erfülltes Leben MIT seelischen Erkrankungen aus? Auf was musst du achten, damit es ‚nicht wieder los geht‘?

 

H: Gleich, wenn ich an die guten Tage denke, sind meine Frau und mein 8-jähriger Sohn vor meinen Augen. Meine Frau, die sehr viel Verständnis für mich und meine Erkrankung hat – die von mir sagt, dass ich an vielen Stellen mehr leiste, als manche „normale“ Menschen. Mein Sohn, der uns durch seine fröhliche Art belebt und erfreut – mit dem ich herrlich toben und Quatsch machen kann. Die Liebe zu den beiden gibt mir am meisten Kraft und Mut.

 

Ich kann dankbar sein, dass ich in eine solche Lebensphase gekommen bin. Immer noch schlummert in mir der Gedanke, es könne wieder schlechter gehen. Doch ich weiß auch, dass ich in einem sozialen Umfeld lebe, das mich auffangen würde und ich habe in meinen 25 Jahren der Erkrankung gelernt damit umzugehen.

 

In meinem Leben begegnete ich auch dem Begriff Recovery. Dieser kann mit Wiedergesundung übersetzt werden. Im Recovery-Modell sind Menschen wichtig, die an die unterstützte Person glauben und dieser Person beistehen. Solche Menschen, ob Frau, Mutter, Chef oder Freund, waren in meinem Leben immer wieder neben mir.

 

Das Schreiben begleitete mich auf dem Weg meiner Gesundung und immer wieder merke ich, wie man durch das Aufschreiben von Gefühlen und Gedanken etwas in sich lösen und sogar etwas für andere Menschen tun kann.

 

I: Du hast ja auch die Corona-Krise durch gemacht. Was hat Corona mit Dir gemacht? Wie hat Corona Dich und dein Leben verändert?

 

H: Meiner Meinung nach ist diese Corona-Krise der Inbegriff der Unfähigkeit unserer Gesellschaft. Uns sollte klar sein, wieviele Probleme wir auf unserer Welt haben. Hunger, Armut, Krankheit. Schon viel früher hätte uns solch eine Krise überkommen müssen, die unsere gesamte Wirtschaft für eine ganze Zeit zum Erliegen kommen lässt. Mich wundert, wie all die Menschen dies über sich ergehen lassen. Wie eine große Einsamkeit und Unsicherheit über uns kommt. Ich glaube, dass diese Corona-Krise erst der Beginn einer großen Veränderung sein wird. Ich glaube an Gott und hoffe, dass der bei allem noch die Übermacht hat. Manchmal dachte ich in dieser Krise, dass meine psychischen Krisen meines Lebens nicht ganz anders waren – vielleicht bin ich ein gewisser Experte in dieser Krisenzeit. Gerade vor ein paar Wochen hatte ich eine Frage an einen Psychiater wegen meiner persönlichen Belange und er sagte mir, dass er wegen der derzeitigen Krise keine Sprechstunden anbiete – „Schöne neue Welt“ sage ich da nur!

 

I: Wie ist deine Meinung zum Thema ‚Behindertenausweis‘ für seelisch Kranke? Was hältst Du vom Behinderungsbegriff? Wie könnte man ‚Einschränkungen‘ weniger stigmatisierend begrifflich umfassen? Und wie die Teilhabe verbessern – wie mit dem BGE?

 

H: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert für das Zustandekommen einer Behinderung drei Ursachen: Schaden, funktionale und soziale Beeinträchtigung. Aufgrund einer Erkrankung, angeborenen Schädigung oder eines Unfalls als Ursache entsteht ein dauerhafter gesundheitlicher Schaden. Der Schaden führt zu einer funktionalen Beeinträchtigung der Fähigkeiten und Aktivitäten des Betroffenen. Die soziale Beeinträchtigung ist Folge des Schadens und äußert sich in persönlichen, familiären und gesellschaftlichen Konsequenzen.

 

Eine Auffassung deutet Behinderung als Defizit des Individuums, das deshalb für die Bewältigung seines Alltags bestimmte Unterstützung benötigt.

Ein klarer Fall. Nach all diesen Versuchen der Definition von Behinderung fallen meine Defizite und Lebensumstände der psychischen Erkrankung unter diese Erklärungsversuche. Meine Erkrankung beeinträchtigt mich und meine Symptome und Schädigungen lassen sich auch medizinisch messen. In akuten Situationen und auch durch die Medikamente brauche ich Unterstützung.

Vor ein paar Jahren saß ich bei einem Arzt und er bot mir freudestrahlend einen Behindertenausweis an. Das ist ja was, da bekommen Sie mehr Urlaub und andere Vergünstigungen. Ich lehnte ab.

 

Immer wieder, in meinem Fall, versuchte ich ins Leben zu gehen und etwas zu erreichen. Heute lebe ich fast symptomfrei, seit sechs Jahren ohne einen Rückfall, mit wenigen Medikamenten. Ich habe eine Vollzeitarbeit, bin verheiratet und habe einen Sohn. Wir leben ein recht normales Leben.

 

I: Was macht die Stigmatisierung in der Gesellschaft alles aus? Wo werden deiner Meinung nach seelisch Kranke stigmatisiert? Was für Folgen hat die Stigmatisierung?

 

H: In einem Lexikon lese ich, was ein Stigma ist: Es ist die Kluft zwischen dem, was eine Person sein sollte, und ihrer wirklichen sozialen Identität. Nicht einmal ansatzweise sollte dies in einer sozialen Gesellschaft ein Thema sein. Leider sind an vielen Stellen massive Stigmatisierungen zu spüren.

 

Jean-Paul Sartre setzte 1943 in seinem Theaterstück „Geschlossene Gesellschaft“ seine drei Protagonisten mitten in die Hölle und machte jeden von ihnen zum Folterknecht der beiden anderen. Wenn ich von stigmatisierenden Menschen umgeben bin, begebe ich mich in die totale Abhängigkeit von denen. Und dann bin ich tatsächlich in der Hölle. Und es gibt eine Menge Leute auf der Welt, die in der Hölle sind, weil sie zu sehr vom Urteil anderer abhängen.

 

Längerfristig könnte Offenheit aller Seiten Erfolg haben. Stigmatisierungen entstehen durch Unwissenheit und die Angst vor dem Fremden, dem Anderen. Umfassende Aufklärung kann uns Menschen helfen respektvoll und ohne Vorurteile zusammen zu leben.

 

Jeder kann etwas dafür tun – in jeder Familie, in jedem Freundeskreis und unter Kollegen gibt es Menschen, die Stigmatisierungen ausgesetzt sind – fassen Sie Mut und setzen Sie sich ein – denken Sie daran, man selbst kann in eine ähnliche Situation geraten.

 

 

I: Wie kann man die Stigmatisierung beenden?

 

H: Wir müssen unser Leben angleichen. Dass Gerechtigkeit einkehrt. Jeder muss die gleichen Chancen habe, egal ob ein Depressiver oder Schizophrener oder eben der „normale“ Durchschnittsbürger. Es muss mehr Aufklärungsarbeit passieren. Wir allen müssen uns im Klaren sein, dass all die psychischen Erkrankungen jeden von uns an jedem Tag betreffen können. Wir müssen dieses Tabu brechen. Der Staat und die Kirche und all die Institutionen sind in der Pflicht. Jeder Mensch muss ein Auge auf seinen Mitmenschen haben. Es geht um Begriffe wie Nächstenliebe und Empathie.

 

I: Zum Schluss eine positive Frage: was macht Dich glücklich?

 

H: Mein Sohn. Meine Frau. Dass wir frohen Sinnes sind und gesund. Dass mein Sohn den Start in die Schulzeit gut schafft. Unser gemeinsames Leben – dass wir immer so fröhlich wie heute sind. Ein sonniger, schöner Tag. Und dann drückt es vielleicht dieser Text aus einer meiner Geschichten aus:

 

– Hanna schaute versonnen auf das Wasser: „An diesem frühen Morgen, bei diesem herrlichen Sonnenaufgang können wir es spüren. Es sind christliche Gedanken, die mich überkommen. In der Nacht spenden Mond und Sterne Licht. Am Morgen geht die Sonne auf – sie ist ein Symbol der Auferstehung und des Beginns neuen Lebens. Das Wort Ostern soll von der Himmelsrichtung Osten herrühren, dort wo die Sonne aufgeht. Tiefe Freude und Glück können wir dabei erfahren – dieses immer wiederkehrende neue Leben ist ein großes, unumstößliches Zeichen für die Hoffnung auf eine bessere Welt. –


Hartmut Haker ist Buchautor mit seelischer Erkrankung. Sein Ziel ist die Entstigmatisierung von seelischen Erkrankungen. In seinen Büchern arbeitet Hartmut Haker vielfältige Aspekte auf, die seelische Erkrankungen und die Stigmatisierung dessen beinhalten.

Vor allem möchte Hartmut Haker Mut machen und mit seinen Büchern sagen: Ihr seid mit Psychose, Depression und Co nicht alleine! Es trifft so viele mit seelischen Erkrankungen!

 

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzbestimmung mit den Angaben zur Verwendung von Cookies konnen Sie unter Weitere Informationen einsehen. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen